Digitale Barrierefreiheit wirkt für viele kleine und mittelständische Unternehmen zunächst wie ein „Großkonzern-Thema“. Gleichzeitig häufen sich Berichte über Abmahnungen und Forderungen, weil Websites oder Online-Shops nicht barrierefrei sind. Für ein KMU, das ohnehin mit knappen Ressourcen arbeitet, können solche Fälle schnell existenzbedrohend wirken – finanziell und reputationsseitig.
Die gute Nachricht: Barrierefreiheit ist kein Hexenwerk, wenn man strukturiert vorgeht. Dieser Beitrag erklärt, warum das Thema gerade jetzt wichtig ist, welche Standards Sie kennen sollten und wie Sie Schritt für Schritt Ihre Risiken reduzieren – ohne Ihr Unternehmen lahmzulegen.
1. Warum Barrierefreiheit für KMU plötzlich kritisch wird
1.1. Mehr rechtlicher Druck, mehr digitale Nutzung
Drei Entwicklungen kommen gleichzeitig zusammen:
- Rechtlicher Rahmen zieht an
In vielen Ländern – auch in der EU – werden Anforderungen aus Normen wie WCAG 2.2 und EN 301 549 zunehmend verbindlich, zunächst für öffentliche Stellen und große Unternehmen. Erfahrungsgemäß folgen mittel- bis langfristig strengere Erwartungen an alle Marktteilnehmer. - Mehr Menschen sind auf Barrierefreiheit angewiesen
Sehbeeinträchtigungen, motorische Einschränkungen oder kognitive Besonderheiten betreffen längst nicht nur eine kleine Randgruppe. Auch ältere Kund:innen, die zu Ihrer Kernzielgruppe gehören, profitieren direkt von besserer Lesbarkeit und einfacher Bedienbarkeit. - Anwälte und Dienstleister erkennen ein Geschäftsmodell
In den USA häufen sich seit Jahren Klagen auf Basis der ADA (Americans with Disabilities Act). Die Muster: Standardisierte Schreiben, pauschale Forderungen, kurze Fristen. Auch in Europa nimmt die Zahl rechtlicher Auseinandersetzungen im Umfeld von Barrierefreiheit und Verbraucherschutz zu.
Für ein KMU heißt das:
Wer das Thema komplett ignoriert, wird mittelfristig mehr bezahlen – entweder in Form von Abmahnungen und Agentur-Feuerwehrprojekten oder in Form von verpassten Kund:innen, die Ihre Website einfach nicht bedienen können.
2. WCAG, EN 301 549 & Co.: Was Sie wirklich verstehen müssen
Sie müssen keine Juristin und kein Technik-Nerd werden. Aber drei Begriffe sollten Sie kennen:
- WCAG 2.1 / 2.2 (Web Content Accessibility Guidelines)
Ein internationaler Standard mit Prinzipien wie „wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust“. Daraus leiten sich konkrete Anforderungen ab, z.B. ausreichende Kontraste, Tastatur-Bedienbarkeit, sinnvolle Alternativtexte für Bilder. - Level A, AA, AAA
- A: Basisanforderungen
- AA: in der Praxis oft als Zielniveau für professionelle Websites
- AAA: sehr hoch, selten vollständig erreicht
Viele Vereinbarungen (z.B. mit der öffentlichen Hand) verlangen „substantial compliance mit WCAG 2.1/2.2 Level AA“ – also eine weitgehende Einhaltung.
- EN 301 549
Europäische Norm, die Anforderungen an die Barrierefreiheit von IKT-Produkten (einschließlich Websites und Apps) beschreibt. Sie verweist an vielen Stellen auf WCAG.
Für Ihr KMU reicht es, wenn Sie folgendes Ziel formulieren:
„Unsere Website und unser Shop sollen mittelfristig im Wesentlichen den Anforderungen von WCAG 2.1/2.2 Level AA entsprechen.“
Dieses Ziel können Sie dann in konkrete Maßnahmen übersetzen.
3. Typische Schwachstellen auf KMU-Websites
Aus Projekten mit KMU ergeben sich immer wieder dieselben Problemfelder:
- Kontrast und Lesbarkeit
- Zu heller Text auf hellem Hintergrund
- Kleine Schriftgrößen
- Wichtige Informationen nur in Bildern oder Bannern ohne Alternativtexte
- Navigation & Struktur
- Keine klare Fokusreihenfolge bei Tab-Navigation
- Unlogische Überschriften-Hierarchie (H3 vor H2, Überschriften nur fürs Design)
- Unklare oder doppelt belegte Menüeinträge
- Formulare & Interaktionen
- Fehlende Labels und Beschreibungen (Screenreader „sehen“ die Felder nicht)
- Fehlerhinweise nur in roter Schrift ohne weiteren Hinweis
- Pflichtfelder werden nicht deutlich genug gekennzeichnet
- Medien & Downloads
- Videos ohne Untertitel oder Transkript
- PDFs, die nur als eingescanntes Bild vorliegen und nicht durchsuchbar sind
- Slider und animierte Elemente ohne Pausenmöglichkeit
Diese Schwachstellen sind oft mit überschaubarem Aufwand korrigierbar – sofern sie systematisch erfasst werden.
4. Pragmatischer 5-Schritte-Plan für KMU
Schritt 1: Barrierefreiheitsziel definieren und Verantwortlichkeit klären
- Entscheiden Sie auf Management-Ebene:
„Wir wollen WCAG 2.1/2.2 Level AA als Orientierungsrahmen nutzen.“ - Benennen Sie eine:n Verantwortliche:n (z.B. Marketing- oder IT-Leitung), die/der:
- das Thema koordiniert
- als Ansprechpartner:in für Agenturen dient
- Fortschritte regelmäßig berichtet
Schritt 2: Schnellen Accessibility-Check durchführen
- Starten Sie mit einem kombinierten Ansatz:
- Automatisierter Scan (z.B. mit frei verfügbaren Browser-Plugins oder externem Audit).
- Manueller Test:
- Website nur mit Tastatur bedienen (Tab, Enter, Pfeiltasten).
- Seite mit hoher Zoomstufe (150–200 %) betrachten.
- Inhalte für eine Person mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung „mitdenken“.
- Ergebnis sollte sein:
- Eine Liste konkreter Probleme (z.B. „Kontrast auf CTA-Buttons zu gering“, „Checkout nicht vollständig mit Tastatur bedienbar“).
- Eine grobe Einteilung in „kritisch“, „wichtig“, „nice to have“.
Schritt 3: „Quick Wins“ umsetzen
Fokussieren Sie sich zuerst auf Verbesserungen mit hohem Effekt und geringem Aufwand:
- Kontraste von Text und Buttons anpassen
- Schriftgrößen im responsiven Design leicht erhöhen
- Alt-Texte für zentrale Bilder ergänzen (z.B. Produktbilder, Hero-Slider)
- Fokus-Styles für Links und Buttons sichtbar machen (z.B. klare Umrandung)
- Formulare mit Labels versehen und Fehlermeldungen klar formulieren
Diese Maßnahmen verbessern nicht nur die Barrierefreiheit, sondern häufig auch Conversion Rate und Nutzererlebnis.
Schritt 4: Prozesse und Standards festschreiben
Barrierefreiheit ist kein Einmalprojekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Verankern Sie deshalb:
- Interne Checkliste für neue Seiten/Features (z.B. im Ticket-System oder als Dokument):
- Sind alle Bilder mit sinnvollen Alt-Texten versehen?
- Funktioniert die Seite mit Tastaturbedienung?
- Sind Überschriften logisch aufgebaut (H1, H2, H3 …)?
- Gibt es Untertitel/Transkript für neue Videos?
- Anforderungen an Dienstleister und Agenturen:
- In Lasten-/Pflichtenheften: „Umsetzung orientiert sich an WCAG 2.1/2.2 Level AA.“
- Abnahme-Kriterien: z.B. kein kritischer Kontrastfehler, Formularbedienung per Tastatur, etc.
Schritt 5: Kommunikation & Risikoreduktion
- Erwägen Sie eine kurze Barrierefreiheitserklärung auf Ihrer Website, die u.a. enthält:
- auf welche Standards Sie sich beziehen
- welche Bereiche bereits optimiert wurden
- wie Nutzer:innen Probleme melden können
- Dokumentieren Sie intern:
- durchgeführte Tests
- priorisierte Maßnahmen
- Zuständigkeiten und Umsetzungen
Das zeigt im Konfliktfall, dass Sie „good faith efforts“ unternehmen – ein wichtiger Punkt, wenn Ihnen vorgeworfen wird, Sie würden Barrierefreiheit ignorieren.
5. Business Case: Warum sich Barrierefreiheit für KMU rechnet
Barrierefreiheit ist nicht nur eine rechtliche Pflicht, sondern auch ein wirtschaftlicher Hebel:
- Mehr potenzielle Kund:innen
Menschen mit Einschränkungen, ältere Zielgruppen und Nutzer:innen mit temporären Beeinträchtigungen (z.B. gebrochener Arm, schlechte Internetverbindung) können Ihr Angebot besser nutzen. - Bessere Usability für alle
Klar strukturierte Inhalte, gute Lesbarkeit und einfache Navigation helfen auch gestressten Entscheider:innen, die im Zug oder zwischen Terminen schnell etwas nachschlagen. - SEO-Vorteile
Suchmaschinen profitieren von semantisch sauber strukturierten Inhalten, Alternativtexten und klaren Überschriften. Das korreliert mit vielen Anforderungen der WCAG. - Risikoreduktion
Sie minimieren die Wahrscheinlichkeit teurer Auseinandersetzungen und überraschen Anwaltsbriefe weniger.
6. Fazit: Jetzt starten – mit realistischem Anspruch
Kein KMU wird über Nacht „perfekt“ barrierefrei. Das müssen Sie auch nicht. Entscheidend ist, dass Sie:
- das Thema ernst nehmen,
- ein klares Ziel formulieren (z.B. WCAG 2.1/2.2 Level AA als Leitlinie),
- erste, wirksame Schritte umsetzen und
- Barrierefreiheit in Ihre laufenden Digitalprozesse integrieren.
Wenn Sie Unterstützung bei der Priorisierung, bei einer ersten Bestandsaufnahme oder bei der technischen Umsetzung brauchen, sprechen Sie uns gerne an – wir begleiten kleine und mittelständische Unternehmen gezielt dabei, ihre digitalen Touchpoints sicherer, zugänglicher und zukunftsfähiger zu machen.